Hirnmythen

Mythos #1: Du nutzt nur 10% deines Gehirns. 90% bleiben ungenutzt.

Wenn das so wäre, wäre das Gehirn eine echte Fehlkonstruktion.

Dein Gehirn schläft nie und ist immer aktiv.

Selbst wenn wir schlafen, ist unser Gehirn wach.

Es hält nicht nur lebenswichtige Grundfunktionen aufrecht, sondern sorgt auch dafür, dass während der unterschiedlichen Schlafphasen Gelerntes „einsortiert“ wird.

Das menschliche Gehirn ist auf Effizienz ausgelegt.

Nach dem Motto „use it, or lose it!“ baut sich das Gehirn permanent um und kappt alle Nervenverbindungen, die nicht benutzt werden.

Umgekehrt bilden sich neue Nervenbahnen, wenn etwas Neues gelernt oder erfahren wird.

Neurowissenschaftler nennen dieses Phänomen „Plastizität des Gehirns“.

Das Gehirn lernt also immer. Es gibt nichts, was es lieber täte.

Ein Gehirn, das nur 10% seiner Kapazität nutzt, macht seinen Job nicht richtig!

Denn wenn du 90% deiner grauen Zellen nutzen würdest, würde dein Gehirn dafür sorgen, dass die ungenutzten 90% gekappt und umgebaut werden.

Und damit wären die ursprünglichen 10% wieder 100%.

 

Mythos #2: Es gibt unterschiedliche Lerntypen

Das ist nun wirklich ein hartnäckiger Mythos, der von vielen Pädagogen, Lerncoaches und Autoren von Lernliteratur noch befeuert wird.

Das Schöne an dieser sich selbst erfüllenden Prophezeiung ist, dass es Lernen so einfach macht.

Du musst ja nur wissen welcher Lerntyp du bist. Aha. Und dafür gibt es jede Menge kostenloser Tests. Und – oh Zufall – ebenso viele kostenpflichtige Lernen-lernen Kurse oder speziell auf den Lerntyp angepasste Materialien.

Ein Nebeneffekt des Lerntypenmythos ist auch, dass es eine super Ausrede ist.

Ich bin einfach ein kinästhetischer Lerntyp – deshalb kann ich aus dem herkömmlichen Unterricht so wenig mitnehmen.

Echt jetzt?

Klar, gibt es Menschen, die sich wortgewandt ausdrücken und eine Vorliebe für Hörbücher haben.
Menschen mit einer ausgeprägten visuellen Intelligenz fällt es leicht, komplexe geometrische Figuren im Geiste zu drehen.

Der Mythos von den Lerntypen gehört trotzdem ins Museum für überholte Glaubenssätze!

John Hattie hat hierzu jede Menge repräsentative Metastudien ausgewertet. Das Zuschneiden von Lerninhalten auf einen bestimmten Lerntypen zeigte keinen messbaren Effekt auf den Lernerfolg.

Wäre ja auch schlimm, wenn es tatsächlich feste Lerntypen gäbe.

Hans: auditiv.
Petra: visuell.
Johannes: kinästhetisch.

Dann wären die Erfolgschancen für Petra und Johannes in einer Vorlesung gleich Null.

Umgekehrt müssten Schüler, die die Inhalte „lerntypengerecht“ präsentiert bekommen, gute bis sehr gute Klassendurchschnitte erzielen.

Tun sie aber eben nicht.

Auch die Hirnforschung bestätigt, dass es keine Lerntypen gibt.

Unser Gehirn funktioniert einfach anders.

Dem Gehirn ist es schnurzegal, über welchen Sinneskanal eine Information eintrudelt.

Für das Gehirn sind das erst einmal Signale, die auf ein neuronales Netzwerk treffen und dieses an verschiedenen Stellen aktivieren.

Unser Gehirn besteht nun mal nicht aus Schubladen!

Lerntypen_schubladen

Wenn ich mir zum Beispiel Hefeklöße mit Blaubeersoße vorstelle, wird bei mir ganz viel gleichzeitig aktiv.

Ich sehe den dampfenden Hefekloß auf meinem Teller liegen. Er schwimmt in lila Blaubeersoße.
Innerlich höre ich mich gerade „Hmmmm“ sagen. Und denke, dass ich die mal wieder machen muss.

Die Bilder im Kopf katapultieren mich gleichzeitig in meine Kindheit zurück. Denn Hefeklöße gab es immer bei meiner Oma.

Jetzt wird auch noch mein emotionales Gedächtnis aktiv – denn in den Gedanken an die Hefeklöße meiner Omi mischt sich auch immer die Trauer darüber, dass sie nicht mehr da ist.

Das alles passiert in Bruchteilen von Sekunden – eben weil mein neuronales Netzwerk der Erfahrungen und Erinnerungen auf ganz charakteristische Weise „hefeklößemäßig“ aktiviert wird.

Wenn du noch nie Hefeklöße gegessen hast, wird das Ganze bei dir wenig auslösen.

So ist das auch, wenn eine Information zum ersten Mal auf dein neuronales Netzwerk trifft.

Der neue Sachverhalt aktiviert – unabhängig davon, wie er präsentiert wird – dein neuronales Netzwerk.

Vielleicht poppt in irgendeiner Form Vorwissen hierzu auf – das wäre hilfreich, da dieses dann gleich mit den neuen Informationen vernetzt werden kann.

Beim nächsten Mal lässt sich das gleiche Muster schon viel leichter aktivieren, weil sich unser Gehirn das neue Aktivierungsmuster gemerkt hat.

Und das ohne irgend einen Lerntyp – den es aber ja ohnehin nicht gibt – zu berücksichtigen. 

Wenn du deinem Gehirn etwas Gutes tun willst, legst du den Mythos von den Lerntypen im Museum für alte Glaubenssätze ab.

Versuche außerdem möglichst alle Lernkanäle zu benutzen, um vielfältige und komplexe Aktivierungsmuster in dein neuronales Netz zu schicken.

Rufst du dieses Aktivierungsmuster in Zukunft regelmäßig auf (auf deutsch: wenn du Lerninhalte wiederholst), lernst du wirklich effektiv.